eigene Texte

Auf dieser Seite veröffentlichen wir Texte, die von Mitgliedern des Dojos geschrieben werden.

 

Neuanfang: Das erste Sesshin auf der Wartburg

 

Zen is to care: Bericht aus Antaiji

 

Vortrag von Kojun Kishigami im Pariser Dojo

 

Zazen (Gedicht)

 

Zen auf der Strasse

 

Zazen unter freiem Himmel

 

Zenkonyama: Zazen open air

 

 

 

Der Neuanfang – das Sesshin auf der Wartburg (Bodensee)

Volker Gyoriki Herskamp

Hoch über den Bodensee liegend, der Blick ins Unendliche gerichtet, der Geist wird automatisch gross und weit – ideale Voraussetzungen für einen neuen Sesshinort und einen Neuanfang im Dreiländereck Deutschland, Österreich und Schweiz. Nicht nur der Blick auf den See war das Spezielle an diesem Ort, sondern auch die Topografie. Zu oberst auf dem Hügel lag das Haupthaus mit Küche, Speisesaal und den Zimmern auf 4 Etagen und noch mehr Treppen verteilt. Darunter – ganze 128 Treppenstufen in der Tiefe im Wald – lag das Dojo, das sog. Waldhaus. Morgens und abends war es für mich ein besonderes Naturerlebnis diese Stufen hinab in den Wald zu steigen. Schnell kam auch der Beiname „Fitness-Sesshin“ auf, denn gerade Shusso, Organisator oder ich (Tanto), klommen diese Treppen sehr oft hinab und hinauf. Aber nach soviel Sitzen tat dies richtig gut.

Mehr als zwei Jahre brauchte es, um die von der schweren Krankheit und dem Tod Meister Michel Bovays schockierte Sangha und die daraus resultierenden Querelen in und um das Dojo Zürich wieder zusammenzuführen.

Klar war: Die Lücke, welcher der Tod unseres verehrten Meister Michel Bovays Tod gerissen hatte, würde nicht so schnell geschlossen werden. Viele verliessen die Sangha nach seinen Tod enttäuscht, einige konzentrierten sich jedoch auf die Essenz – Zazen – und machten weiter.

Schnell wurde auch deutlich, wollten wir uns nicht isolieren und im eigenen Saft schmoren, dass wir nur zusammen und gemeinsam weiter gehen können. Nach gegenseitigen Dojobesuchen und Organisation von Zazentagen wurde ebenfalls schnell fühlbar, dass es nur mit einer Öffnung der Sangha und mit einem gemeinsamen Sesshin fruchtbar weitergehen könne.

Da sich die Dojoverantwortliche in Dojo Zürich trotz unzähliger Anfragen an ein Gespräch, weigerte, sich mit uns an einen runden Tisch zu setzen und das obwohl Meister Michel Bovay uns vor seinem Tod eindrücklich ermahnte, in jedem Falle gemeinsam weiter zu praktizieren, trafen sich die anderen Dojoverantwortlichen, um gemeinsam in die Zukunft zu gehen.

Da ich schon, während Michels schwerer Krankheit, das Bedürfnis hatte, mit einem Meister und einer harmonischen Sangha zu praktizieren, besuchte ich die Sesshins in St.George und Le Vallon, die beide von Meister Roland Rech geleitet wurden. Hier wurde ich von der Sangha und Roland sehr willkommen geheissen und auch später in den schwierigen Zeiten von Meister Roland Rech unterstützt. So wurde schnell deutlich, dass Roland der ideale Godo für ein neues Sesshin zum Neuanfang war.

Viele hatten anscheinend genau auf diesen Moment gewartet, denn 70 Personen kamen zu diesem ersten Sesshin Wartburg und die Atmosphäre war vom ersten Moment an voller Begeisterung und Elan. Soviel Energie und guten Willen hatte ich noch nie erlebt bei einem Sesshin. So standen beim Abschlusssamu mehr Leute zur Verfügung, als es eigentlich brauchte und nach der Hausübergabe gingen wir noch mit mehr als 30 Personen gemütlich, als gemeinsamen Abschluss, einen Kaffee am See trinken. So gross war das Bedürfnis nach gemeinsamer Praxis.

Viele alte Schüler Michels kamen zusammen, aber auch, was mich genauso freute, viele Praktizierende, die eher anderen Godos folgen. Am stärksten waren die Dojos von Konstanz, St. Gallen, Bern, Buchs, Bregenz und natürlich als stärkste Fraktion Basel vertreten, denn schliesslich organisierten wir ja das Sesshin. Von Anfang an herrschte eine tiefe Atmosphäre im Dojo, kein Wunder bei so vielen erfahrenen Nonnen und Mönchen. Das Schöne aber war für mich die Freude an der Praxis zu spüren, die so deutlich fühlbar war. Die Alten hatten sich also ihren Anfängergeist bewahrt.

Um so schöner war für mich zu sehen, dass gerade die Sesshins, die ausserhalb eines Tempels stattfinden, immer noch diese besondere Energie haben, die mich einst zur AZI Sangha führten. Uns allen ist, und wir sprachen auf diesem Sesshin viel darüber, das Leben und Praktizieren in der Gesellschaft wichtig. Wir verstehen die Aufgabe des Bodhisattvas als Praxis und Gutes-Tun in der Gesellschaft als Teil davon. Wie Meister Deshimaru einst forderte, morgens ins Dojo gehen, Zazen praktizieren und dann hinaus in das soziale Leben und Grosses tun. Das ist manchmal sehr anstrengend, als Altenpfleger, Lehrer, Arzt, Strassenbahnfahrer oder Psychotherapeut so zu leben, inmitten der Gegensätze. Gerade in diesen Zeiten, wo die Praxis nicht einfach ist. Aber wer sonst soll es tun, wenn nicht wir. Manchmal hat man allerdings den Eindruck in der AZI, dass diese Bodhisattvas nicht mehr so wichtig sind, wichtiger sind erfahrene, auf Angos geschliffene Mönche und Nonnen, die die Formen und Rituale beherrschen. Hanspeter Egloff, der Dojoverantwortliche von St. Gallen, ein alter Schüler von Meister Deshimaru und von Michel Bovay, fragte im Mondo, ob die AZI vergessen habe, dass die Dojos und ihre Verantwortlichen die Pfeiler der Sangha seien?  Das sei bei Meister Deshimaru anders gewesen. Deshalb nehmen wir gerne die grosse logistische Anforderung auf uns, einen mobilen Tempel auf- und abzubauen.

Meister Roland Rech war genau der richtige Godo für unser Sesshin. Ist er doch selber ein Mönch, der mitten in der Gesellschaft lebt und jedes Wochenende zur Sangha hinausfährt, um die Dojos und die Sangha dort „draussen“ zu unterstützen. Mit seiner ganzen Erfahrung leitete er dieses unvergessliche Sesshin und legte damit den Grundstein für den vielversprechenden Neuanfang. Dafür bedanke ich mich recht herzlich bei ihm. Ein letzter Satz noch, den Roland auf dem Sesshin zu mir sagte und der mich seitdem begleitet: „Vergesst das Alte, schaut nach vorne in die Zukunft.“

Ein Neuanfang der genauso weit und offen sein soll, wie der Blick auf den See von der Wartburg aus. Über die Dojogrenzen, die Zugehörigkeit zu einem Meister, über ein besonderes Zen (Gibt es das überhaupt? Oder ist Zazen nicht universell und eben nicht speziell) hinausgehen, das wäre sehr schön. Über die Begrenzungen des menschlichen Geistes hinausgehen, wie es im Hannya Shingyo heisst – gya tei ….

Bedanken möchte ich mich neben Roland Rech auch bei den Dojoverantwortlichen der Trinationalen Sangha, die mit ihren Mitgliedern dem Basler Dojo, das die Hauptarbeit geleistet hat, sehr geholfen haben, und bei meinem Dharma-Freund Michel Ayguesparse, der unerschrocken mit mir das erste Mal ein Sesshin organisiert hat.

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Zen is to care“…

Kenzo

hat Uchiyama-Roshi, Schüler von Kodo Sawaki, einmal gesagt. Das Wort „to care“ könnte mit folgenden Begriffen aus dem Englischen übersetzt werden: sich um jemanden/etwas sorgen, pflegen, sehr gerne haben, sehr vorsichtig behandeln, jmd. betreuen, jmd. zugetan sein, grosse Sorgfalt auf etwas, Fürsorge, Achtsamkeit… Es umfasst also sehr viel!

 

Ein berühmtes Beispiel für care im Zen ist natürlich die Haltung von Dogen. In der Küche soll nicht ein einziges Reiskorn verschwendet werden!!!

 

In Antaiji habe ich es hautnah erlebt, was to care heisst, da es dort tatsächlich ums Überleben geht. Ein Tag ohne Arbeit ist dort wirklich ein Tag ohne Essen. So eine Erfahrung zu machen ist sehr wichtig um einige Dinge im Leben zu verstehen. Einige Beispiele, was to care in Antaiji bedeutet:

 

  1. to care“ war neben dem Ausdruck good/bad practice (gute/schlechte Praxis) einer der meistgefallenen Ausdrücke sowohl von Muho als auch vom ersten Mönch Daisen und auch von uns Mitpraktizierenden. Wenn der Koch den übriggebliebenen Reis nicht sofort zudeckt um ihn vor Ungeziefer etc. zu schützen oder ihn im Kühlschrank versorgt, kriegt er einen satten Rüffel! Und so etwas konnte beim sehr stressigen 16-18 Stunden Tag des Tenzos schnell einmal vergessen gehen…
  2. Mein Freund Daisen und ich waren dabei die Dächer von Antaiji’s Gebäuden mit Teer vor dem massiven allwinterlichen Schnee zu schützen. Arbeiten mit Teer waren sowieso fast die ganzen 3 Monate meines Aufenthaltes mein Job, obwohl ich gehofft hatte, in Antaiji etwas über Gemüseanbau etc zu lernen und ständig nur in der angenehmen Umgebung von Pflanzen und Natur zu sein. Da war der Teer schon eine dunkle Ernüchterung…

Und weil Daisen und ich so gute Freunde waren, plauderten wir natürlich gerne ab zu während des Samu, obwohl Plaudern beim Samu nicht verboten, aber doch eher verpönt war. Tja und dann passierte es: Wir pinselten den flüssigen Teer schwungvoll auf das Dach von Muhos Wohnhaus und übersahen dabei, dass Muhos Frau ihre Bettwäsche gleich unter dem Dach zum Trocknen aufgehängt hatte. Und natürlich tropfte der Teer auf ihre Bettwäsche… Daisen und ich strichen das Dach fertig, stiegen nach unten und trauten unseren Augen nicht. Die ganze Bettwäsche hatte schwarze Flecken. Und etwas wie Bettwäsche hat in Antaiji einfach einen grösseren Stellenwert als bei uns, wo unsere Supermarkt-Mentalität da leicht Abhilfe schafft (Einfach Neue Wäsche Kaufen). Muho und seine Frau bemerkten das Missgeschick gleichzeitig wie wir. Alle vier standen da mit offenem Mund! Bis Muho uns böse anschaute und schrie: „You don’t CARE!“ Und zu meinem Unglück mehr in Richtung Daisen, der als erster Mönch ein Vorbild für mich sein sollte. Wir schämten uns beide sehr. So viele Stunden am Tag Zazen und dann so eine Unachtsamkeit… Wir standen da und machten japanische Verbeugungen, bis Tomomi zu lachen begann und sagte: „Daijobu-desu!“ Zu Deutsch „Ist schon in Ordnung“. So konnten wir Aufatmen.

  1. Care war v.a. beim Kochen sehr wichtig. Da die Nahrungsmittel alle sehr direkt aus der Natur stammten, war die Gefahr von Durchfall zum Teil grösser. Als Koch entscheidest du in Antaiji also nicht nur über die Frage: Mache ich mir heute einen lockeren Tag in der Küche und stelle nur simple Menüs für die Gemeinschaft zusammen oder zeige ich durch mein Kochen: Ich gebe meinen letzten Tropfen Blut für die Gemeinschaft auch wenn der Tag heute damit 20 Stunden lang zu werden droht. Es geht um mehr: Um die Gesundheit der Gemeinschaft, um den haushälterischen Umgang mit der Nahrung – also keine Verschwendung, exakte Mengenberechnungen etc…, darum der Gemeinschaft mit dem Essen nach der harten Arbeit oder bis zu 15 Stunden Zazen kulinarisch etwas zu bieten als Dank für ihre grosse Anstrengung.

Deshalb ist der Tenzo ja auch zu Recht so ein hohes Tier im Kloster: er weiss nämlich im Idealfall, was „to care“ heisst.

Mach ich heute Tofu oder nicht? (Tofu machen ist für den Koch in Antaiji relativ aufwändig, und er hat ja schon wenig Zeit…)

Ein schlechtes Beispiel für care war, als einer der Köche tatsächlich einmal Kekse auftischte, die so lange (unabsichtlich) gebacken wurden, dass sie Schwarz waren bis im Innern (essbare Kohle also ). Und der Depp tischte sie trotzdem auf, aus Faulheit neue zu backen, aus Angst ehemaliges Essen weg zu werfen oder warum auch immer. Und alles ohne Kommentar und Entschuldigung, er bereitete seelenruhig das Mittagessen vor. Wir andern kamen in die Z’nüni-Pause und waren wie immer zu dieser Uhrzeit sehr hungrig. Ich kam als Letzter und sah wie alle andern relativ stumm vor Ernüchterung um den Tisch mit den Kohle-Keksen sassen. Ich sagte: „Na, greift doch zu!“ Muho sagte: „Heute scheinen alle nicht sooo hungrig zu sein, wie sonst immer, ne! Und alle brachen in Lachen aus. Ribbon, die Tempelkatze machte sich als einzige mit Freuden über die Kekse her, die Japaner und die Frauen waren wenigstens so höflich und knabberten mit leicht schmerzverzerrtem Gesicht an den Kohle-Nuggets herum. Denn es ist grundsätzlich eher unhöflich dem Tenzo gegenüber sein Essen nicht wertzuschätzen, das heisst to Care geht also in beide Richtungen. Nicht nur vom Tenzo gegenüber den andern Praktizierenden, sondern auch umgekehrt.

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Vortrag im Dojo Paris von Meister Kishigami

Übersetzung: Florian Demont

Mein Name ist Kojun Kishigami. Ich wurde 1941 in Japan geboren. Als ich 13 war, fing ich an, das Shobogenzo zu lesen und ich entdeckte das Kapitel Genjo Koan. Das war ein Wendepunkt in meinem Leben. Da war ich 14.

Zu dieser Zeit war ich auf der Suche nach einem echten Meister. Ein Jahr später, im Alter von 15, fand ich glücklicherweise meinen Meister in der Person Kodo Sawaki. Neun Jahre lang, bis zu seinem Tod, erhielt ich als enger Schüler seine Unterweisungen und durch ihn habe ich verstanden, was mich als Mönch mit der Gesellschaft im Allgemeinen verbindet.

Vor ein paar Tagen, am 1. November, war mein 69er Geburtstag. An diesem Wochenende war ich zufälligerweise im Dojo Rouen, wo man eine Überraschungsparty für mich organisiert hat. Ich war froh, dass ich da auch zwei Vorträge über das Kesanähen halten durfte.

Seit ungefähr 55 Jahren studiere ich nun schon die Lehren von Dogen. Von meinem 15ten Lebensjahr bis heute! In diesem Vortrag werde ich euch die Ideen erklären, die für mich essenziell sind. Sie sind in Übereinstimmung mit den Lehren von Meister Dogen und von meinem Meister, Kodo Sawaki.

Lebensdaten der Meister Dogen und Sawaki : EIHEI DOGEN : 1200-1253
KODO SAWAKI : 1880-1965

Diese beiden Meister haben gemeinsame Grundsätze und teilen dadurch weitgehend eine bestimmte Sicht des Wegs des Dharma. Auch wenn sie in verschiedenen Epochen gelebt haben, die sie um mehrere Jahrhunderte trennen, herrschen diese Grundsätze––der Geist des Dharma–– vor. Anders gesagt, das Leben dieser beiden Meister war vom Dharma getränkt und sie lebten ihr Leben nach diesem einfachen Grundsatz. Mein Meister Sawaki wiederholte immer wieder: „Ich habe meinen geschorenen Kopf, ich trage das Kesa und ich mache Zazen––das ist alles, was ich brauche, nichts anderes.“ Dieser Gedanke meines Meisters Sawaki steht für das Wesen des Geistes von Meister Dogen und das ganze Leben von Kodo Sawaki basierte auf diesem Grundsatz.

Mein Meister Sawaki sagte: „Seine Kopf zu scheren bedeutet, all weltlichen und künstlichen Einstellungen, Dekorationen und Eitelkeiten aufzugeben. Das Kesa zu tragen bedeutet im Einklang mit den Lehren des Weges zu leben, denn das Kesa symbolisiert mit seiner konkreten Form den Dharma. Das Kesa auf seinen Schultern zu tragen bedeutet, den Dharma mit sich zu tragen. Zazen zu praktizieren bedeutet den Geist von hishiryo zu praktizieren,“ d.h. dem hishiryo- Denken Raum zu geben. Hishiryo bedeutet alle geistigen Handlungen, so wie das Denken, zu stoppen. Es ist nicht Gegenstand einer Übung, unsere Gedanken zu zersplittern, denn sie werden sowieso immer da sein. Es ist eher ein Moment in dem unsere Gedanken für eine Weile verlangsamt oder aufgehängt werden. Die Geistesregungen sind überhaupt nicht Gegenstand unserer Aufmerksamkeit.

Kodo Sawaki sagte: „Ich praktiziere Zazen, das ist alles. Es ist alles, was ich brauche, und ich brauche nichts anderes.“ Die beschreibt eine Fülle, einen Zustand der Vollständigkeit, in dem kein weiteres Teilchen notwendig ist. Gemäss dem Buddhismus sind alle Lebewesen das Resultat von Konvergenzen, Umständen und Faktoren. Es sind die Ursachen und Wirkungen, die alle Gegenstände und Dinge zum Existieren bringen. Mit anderen Worten, es gibt einen Antrieb in der Natur, der dazu führt, dass ein menschliches Wesen geboren wir, lebt und schlussendlich stirbt. Darum sind mein Herz und mein Geist Erscheinungen, die von allen Umständen und Faktoren herrühren.

Mir ist klar, dass Europäer diese Idee nicht gewohnt sind und Schwierigkeiten haben, sie zu verstehen. Aber es ist diese Idee auf der Buddhistisches Denken gründet. Diese Idee wurde nicht von der Vorstellungskraft von Gautama Buddha kreiert, aber durch seine Meditation––die alle seine körperlichen und geistigen Kräfte verlangte––entdeckte er diese Wahrheit. Buddhismus und die Lehren der Meister Dogen und Sawaki gründen auf dieser endgültigen Wahrheit.

Nun möchte ich zeigen, was das Denken von Dogen ausmacht. Ich werde die Idee aus Meister Dogens Schriften zitieren, die aussagen, dass es eine Lücke gibt zwischen unserem bewussten Geist während unserem Zazen und der Geisteshaltung in unserem täglichen Leben auf der anderen Seite. Denn diese beiden Zustände stehen sich gegenüber.

Während Zazen leben wir unser Leben ohne Ego, denn das Ego wird auf die Seite gelegt. Während unserem täglichen Leben haben wir die Neigung, dem Ego die Priorität zu geben. Laut Meister Dogen erscheint der Buddhageist in uns selbst, sobald unser Ego verblasst. Und ich denke, dass der Ausdruck „hishiryo“ den Zustand bezeichnet, in dem die Aktivität unserer Gedanken aufhört––in dem Sinn, dass sie während Zazen nicht länger unser Sein führen–– obwohl das nicht bedeutet, das Ego zu zerstören. In solchen Momenten beginnen wir, unsere gegenseitige Abhängigkeit mit dem Rest des Universums zu realisieren, denn wir sind eins mit dem Universum, es gibt da eine Einheit.

Anders gesagt ist „shiryo“ in dem Wort „hishiryo“ das Denken normaler Wesen, während hishiryo das Nicht-Denken ist, das jenseits unseres Denkens und unserem Beschäftigtsein des täglichen Lebens ist. Ich hoffe, dass ihr euch daran erinnert, wenn ihr Zazen macht und dass ihr euch an die Bedeutung des Wortes „hishiryo“ erinnert.

Kennt ihr den Ausdruck shikantaza? Beim Lesen einiger Übersetzungen ist mir aufgefallen, dass einige Gelehrte shikantaza mit „nichts tun, ausser Zazen“ übersetzen. Das ist falsch. Meiner Meinung nach bedeutet „shikantaza“ in einer Art und Weise zu sitzen, die einfach und rein ist. Die Reinheit erscheint in uns selbst und Dinge erscheinen klar so wie sie sind. Menschliches Denken aus dem Alltag wird beiseite gelegt. Der Ausdruck „shikantaza“ hebt den Körper in der Zazenhaltung hervor.

Nun werde ich über die Praxis von Zazen sprechen. Wenn wir Zazen über viele Jahre hinweg praktiziert haben, dann wird der Zazen-Geist, den Meister Dogen beschrieben hat, in den Praktizierenden verankert, bewusst oder unbewusst. Genauso wie das Rakusu oder das Kesa den Duft des Räucherwerks annimmt, wenn es in die Pochette versorgt wird. Also, die Beschäftigung mit der Praxis von Zazen führt dazu, dass der Geist des Praktizierenden von Buddhas Bewusstseinszustand durchdrungen wird. Deshalb ist das was zählt, das Zazen, das ihr praktiziert, d.h. dass ihr Zazen in euch selbst, in eurem Körper und eurem Geist integriert. Durch jahrelanges Praktizieren von Zazen sammelt sich unsere Erfahrung von Zazen an.

Zen-Praktizierende, die für mehrere Jahre fleissig gewesen sind haben die Fähigkeit, die Dinge und die Welt um sie herum mit einem Objektiven Auge zu sehen, ohne Interpretation des selbst- zentrierten Urteilens. Wenn wir vom Zazen-Geist durchtränkt werden, dann geschieht das Dank einer Intuition der Verbindung mit der allumfassenden Wahrheit oder dem kosmischen Geist (wie auch immer man sich ausdrücken will), die das ganze Universum durchziehen.

Wenn ihr Zazen praktiziert, dann werdet ihr es selbst früher oder später intuitiv fühlen. Ihr werdet euch auf jeden Moment eures Lebens konzentrieren. Wenn ihr, beispielsweise, in Zazen sitzt, dann konzentriert ihr euch auf Zazen und dann, in einem Moment, wo es eine Mahlzeit gibt, konzentriert ihr euch auf die Mahlzeit. Im Moment des Schlafs konzentriert ihr euch auf den Schlaf. Wenn ihr Samu macht, konzentriert ihr euch auf euer Samu.

Vielleicht habt ihr das schon gehört, da Philippe Coupey oft die Gedichte von Daichi zitiert. Es gibt da ein Gedicht „24h00“…ich kann den Titel nicht auf Französisch übersetzen…“24h00 Dharmaworte“. In dieser Schrift von Meister Daichi ist der Geist konzentriert. Diese Text drückt gut den Geist aus, von dem ich gerade gesprochen habe. Also, wenn ihr die Gelegenheit habt, solltet ihr Daichi lesen. Meister Daichi ist sozusagen ein Nachkomme im Dharma von Dogen in der sechsten Generation nach Dogen.

Als nächstes möchte ich über das Leben von Meister Sawaki sprechen und eine Zusammenfassung mit drei Punkten machen.

Kodo Sawaki sagte oft, dass alle Dinge, die eine Form annehmen, eines Tages verschwinden werden. Aber es gibt eine Art zu Leben, die alle Unterschiede zwischen den Epochen übersteigt, ein Leben, das sich selbst antreibt, egal in welcher Epoche. Diese Art zu Leben scheint mit der Ewigkeit verbunden zu sein, aber es ist nicht die Ewigkeit in einem zeitlichen Sinne. Wenn jeder von uns voll in jedem Augeblick lebt, Moment für Moment, wird dieses Leben mit der Ewigkeit verbunden, die nichts mit raumzeitlichen Grössen zu tun hat. Kodo Sawaki hatte eine ausserordentliche physische und geistige Stärke, die wirklich ungewöhnlich war. Er wurde 85 Jahre alt and er setzte seine ganze Willenskraft und seine Körperkraft in jedem Augeblick seines Lebens ein.

Der zweite Punkt, den Kodo Sawaki oft heraushob betrifft die Welt ohne künstliche Dingsbumse, diejenige Welt, die sich nicht um die Regeln und Versprechungen innerhalb der menschlichen Gesellschaft kümmert. Normalerweise besteht die Gesellschaft aus verschiedenen Formen künstlicher Dinge, Regeln und Versprechungen. So hat zum Beispiel jedes Land ein politisches System, ein wirtschaftliches System und es gibt verschiedene Formen der Kultur in all den menschlichen Gesellschaften auf dem Planeten. Jede Organisation oder jedes System hat ihre oder seine Rolle and eine bestimmte Menge von Eigenschaften, aber auch immer ihre oder seine Grenzen. Also war Kodo Sawakis Geist, auch wenn er sich in der menschlichen Gesellschaft bewegte, immer verbunden mit dem Reich jenseits der weltlichen Existenz.

Durch die Sicht auf die Welt ohne künstliche Dingsbumse, ohne Regeln, hat Kodo Sawaki nie eine eigene Organisation gegründet, weil er überzeugt war, dass das, was durch ein System erzeugt wird treffenderweise durch dasselbe System zerstört wird. Sogar als einige Schüler von Sawaki eine Organisation gründen wollten, um seine Aktivitäten als Mönch zu unterstützen und Zazen zu verbreiten, wehrte er sich gegen die Idee, eine kleine Organisation oder Institution zu schaffen.

Für Kodo Sawaki zählte die Resonanz zwischen zwei Menschen––die Resonanz und Empathie, die zwei Menschen direkt verbindet––am meisten. Wenn Kodo Sawaki jemanden bewertete, dann stützte er seine Kriterien nicht auf die soziale Position, Qualifikationen, Alter, das Wissen usw., sie hatten auch nichts mit sozialer Macht oder Reichtum zu tun––sein Urteil gründete nicht auf diesen Kriterien oder Richtlinien. Sein grösstes Anliegen war es, direkt zum Herz vorzudringen, um die Beschaffenheit des Geistes jeder Person zu sehen, and das tat er bei jedem ohne Ausnahme. Nichts ist fairer.

Eine Anekdote von Eihei Dogen zeigt das sehr gut: Er war beim Shogun von Kamakura eingeladen, was in der Epoche die Hauptstadt Japans war. Da Dogen vom Shogun eingeladen worden war, musste er einige Monate in Kamakura, der Hauptstadt, verbringen. Als er in den Tempel zurückkehrte, erfuhr Dogen, dass der Shogun einem seiner Schüler ein Stück Land vermacht hatte. Als er das entdeckte, verbot Dogen dem Schüler, dieses Geschenk vom Shogun anzunehmen und so wies der Schüler das Geschenk zurück.

Mein Meister Sawaki fand sich einmal in einer ähnlichen Situation. Es war in den 60er Jahren. Herr Sato, der Premierminister Japans in dieser Zeit, ehrte Kodo Sawaki indem er versuchte, ihm eine Auszeichnung zu geben. Aber der Meister weigerte sich, dieses Angebot anzunehmen. Da Kodo Sawaki ein Mönch auf der Suche nach Wahrheit war, dachte er nicht im Traum daran, eine solche Ehre, eine Auszeichnung vom mächtigsten Mann der Nation („mächtig“ im weltlichen Sinn) anzunehmen. Meister Sawaki gründete seine Werte auf den Dharma. Nach diesen Kriterien wägte er ab, ob das Angebot angenommen werden sollte oder nicht, ob es gut war oder schlecht.

Es gab andere Beispiele dafür, dass wenn jemand ihm Geld mit geheimen Motiven anbot, sie immer abgewiesen wurden. Wenn Kodo Sawaki im Gegenteil sah, dass Spender ihm etwas mit einem reinen Herzen, ohne geheime Motive, geben wollten, dann akzeptierte er die Spende.

In Indien gab es ähnliche Situationen in der Zeit, als Buddha Shakyamuni lebte. Und als ich meinen Meister in den letzten neun Jahren seines Lebens begleitete, hatte ich viele Gelegenheiten, diesen Grundsatz meines Meisters mitzuerleben.

Meine Absicht, warum ich diesen Punkt hier hervorhebe, ist, dass es nicht das Ziel von Kodo Sawaki war, sich der weltlichen Macht in der Gesellschaft entgegenzustellen, da er nicht beabsichtigte, Autoritäten, mächtige Leute oder einflussreiche Gruppe in eine Konfrontation zu verwickeln. Und wenn er sich doch in Konfliktsituationen wiederfand, verstand Kodo Sawaki vom edelsten Standpunkt aus, der sich vom Standpunkt der weltlichen Gesellschaft unterscheidet. Anders ausgedrückt hat sich Kodo Sawaki, egal was die Umstände und Situationen sein mochten, nie auf gewöhnliche Kriterien gestützt, sondern hat die edelsten Ziele verfolgt.

Der dritte Punkt ist der, dass Kodo Sawaki––wie einige wissen––in sehr armen Verhältnissen geboren wurde und aufgewachsen ist, dass er in seiner Jugend sehr schwierige Zeiten durchmachen musste. All diese widrigen Erfahrungen haben ihn mit einem sehr tiefen Verständnis und Mitgefühl für die ausgestattet, die harte Zeiten durchmachen müssen.

Geboren wurde er in eine Familie namens Tada. Er verlor seine Mutter als er 4 war und seinen Vater mit 7. Also wurde er zur Familie seines Onkels geschickt, der auch kurz danach starb. Kodo Sawaki wurde wieder allein als Waise zurückgelassen. Dann wurde er von der Sawaki Familie, die im Vergnügungsviertel einer Provinzstadt lebte, adoptiert. Als er 8 war, traf Kodo Sawaki einen Mann, der in einem Vergnügungshaus Kunde war. Dieser Kunde starb plötzlich in den Armen einer Prostituierten. Obwohl er noch ein Kind war, realisierte Kodo Sawaki, dass der Tod alles menschliche Leben betrifft und verstand die Wichtigkeit, ein anständiges Leben zu führen. So begann Sawaki als Kind die Wahrheit des Lebens zu suchen und wurde mit 14 Jahren Mönch.

Mein Meister Sawaki hatte eine grosse Fähigkeit den Menschen grossmütig Beachtung zu schenken, da er ein aussergewöhnlich warmherziger Mensch war. Und er verstand es auch, die Stimmung anderer, ihre Leiden und die Quelle ihrer Angst zu entdecken. Meister Sawaki versuchte den Weg für diejenigen klar zu machen, die Schwierigkeiten mit dem Licht und den Unterweisungen Buddhas hatten, und leidende Menschen auf den rechten Weg zu führen, so dass die Quelle ihrer Qualen geschwächt wurde und sie ihren Lebensweg weitergehen konnten.

Kodo Sawaki hat selber keine Bücher geschrieben, aber in Japan sind etwa 30 Bücher über sein Leben und seine Unterweisungen publiziert worden––nur Shodoka ist bislang auf Französisch übersetzt worden. Diese dreissig Bücher sind nur auf teisho basierend geschrieben worden, die aufgenommen, redigiert und transkribiert wurden.

Kommen wir zurück zu Meister Dogen. Er hatte auch eine grosse Fähigkeit und eine grosse Einsicht, um wesentliche Elemente der Existenz auszumachen. Dogen dachte aus Mitgefühl daran, seine Unterweisungen nicht nur seinen Zeitgenossen, sondern auch zukünftigen Generationen bis heute zugänglich zu machen. Um seine Unterweisungen weiterzugeben, gab er seinen eigenen Schülern teisho, aber er schrieb auch, um seine Lehren zu konservieren und an spätere Generationen weiterzugeben. So wurden seine geschriebenen Lehren zu den Kapiteln des Shobogenzo. Meister Dogen hat sie selbst geschrieben. Wie ihr wisst, ist das Shobogenzo das berühmteste und wichtigste Werk des Meisters.

Diese zwei Meister hatten so viel Mitgefühl, dass sie ihrer Unterweisungen weitergeben wollten. Meister Dogen hat seine Lehren niedergeschrieben und Meister Sawaki liess nur mündlich Lehren zurück. Wie ich euch erklärt habe, konnte Meister Sawaki seine Lehren nur mündlich weitergeben, weil er sie nicht einer Institution oder einer Organisation anvertrauen wollte. Seine Lehren wurden von Mensch zu Mensch, von Person zu Person, zwischen zwei lebendigen Individuen weitergeben. Die Leute haben keine Lehren durch Organisationen oder Institutionen erhalten. Diese Art der Lehre von Person zu Person wurde jedem ohne Unterschied gewährt, wenn man nur kam, um zu hören und die Lehren zu erhalten. Diese Leute galten ihm als Mitpraktizierende, Kameraden des Dharma und Schüler von Buddha Shakyamuni––sie waren alle gleich. Kodo Sawaki wollte nicht als Boss gelten, sondern einfach nur als ein anderer Zen- Praktizierender, der seine eigenen Überzeugungen in der Praxis des Zazen umsetzte.

Zum Schluss möchte ich eine sehr wichtige Tatsache klar machen. Kodo Sawaki war ein grosser Führer und Leiter des Dharmas der Zazen-Praxis, aber er war sicher nicht der charismatische Häuptling einer Sekte. Viele Leute fühlten sich zu Meister Sawaki hingezogen. Er war ein Mensch mit so viel Menschlichkeit und grossartigen Qualitäten, dass Leuten ihm Nahe sein wollten. Nichtsdestotrotz versuchte Kodo Sawaki nicht, Schüler zu haben––für ihn waren es Mitpraktizierende im Dharma. Diese Haltung gegenüber anderen dominierte sein ganzes Leben lang.

Ich möchte diesen Vortrag mit einer Anekdote beenden. In der Geschichte, die ich erzählen werde, geht es um eine Buddhastatue, die berühmt dafür war, dass sie gleichzeitig viel Kraft und Sanftheit ausstrahlte. Eines Tages wollten die Leute diese Statue auf dem Rücken eines Esels transportieren. Die Statue begann ihre Reise von etwa 10 Tagen. Während dieser Reise, bei der die Statue transportiert wurde, machten die Einwohner auf dem Weg ihr gegenüber Zeichen des Respekts. In der Herberge, in welcher der Esel und sein Treiber blieben, bemerkte der Esel, dass er ein Bett mit schönem Bezug und Decken bekam…er wurde gut bedient. Da entwickelte der Esel folgende Illusion: „Es ist, weil ich es bin––weil ich so grossartig und wunderbar bin––dass mich die Leute mit so viel Respekt und Rücksicht behandeln.“ Der Leiter des Transports der Statue, der auch der Treiber des Esels war, sagte zu sich selbst, dass er den Esel solange tolerieren würde, bis sie an der Endstation angekommen sind, auch wenn der Esel arrogant wird. Als nun die Statue an der Endstation angelangt war, wurde der Esel von seinem Zaumzeug befreit und beiseite gebracht. In diesem Augenblick schlug der Treiber den Esel, um ihn zu bestrafen, dabei sagte er immer wieder: „Für mich ist die Statue wichtig und nicht du!“ Die Buddhastatue in der Geschichte steht für den Dharma, die Lehre Buddhas, und der Esel steht für jeden von uns. Wenn der Esel die Situation durchschaut hätte, dann hätte er gemerkt, dass er nicht besser ist, nur weil er die Rolle hatte, die Statue zu tragen. Aber der Esel war Opfer der Illusion, dass er selbst so wichtig ist.

Ich selbst, Kishigami, bin bereit all meine physischen und geistigen Kräfte aufzubringen, um zu helfen, dass euer Wissen um den Dharma erweitert wird und um eure Zazen-Praxis zu vertiefen. Ich habe das Gefühl, dass Kodo Sawaki hinter mir steht und mich mit seinem Stock begleitet…[Kishigami steht auf und macht Sawaki mit dem Stock nach. Gelächter.]

Kurz bevor ich meinen Vortrag beende, möchte ich noch etwas hinzufügen. Meister Sawaki sagte oft, dass Zazen zu machen so ist, als würde man zu einem Aussichtspunkt aufsteigen, von dem man eine weite Aussicht auf dem höchsten Level hat. Und für uns ist wesentlich, dass wir, sobald wir wieder herunter kommen, in unserem Geist und unserer Geisteshaltung den Blick vom Aussichtspunkt bewahren. Wir sollten uns nicht in einem verwirrten Zustand wiederfinden, auch wenn wir zu unserem Alltagsleben hier unten zurückkehren.

Inhaltsverzeichnis

 

 

Zazen

Christoph

Morgens aufstehen

Duschen

Zähne putzen

Anziehen

Zum dojo fahren

Kolomo anziehen

Kaffee trinken

Kesa anziehen

Holz schlagen

Altar richten

Gong schlagen

Sampai machen

Sitzen

Kyosaku geben

Sitzen

Holz schlagen

Zeremonie machen

Genmai essen

Kesa ausziehen

Anziehen

Kaffee trinken

Reden

Arbeiten gehen

Inhaltsverzeichnis

Zen auf der Strasse

Sabine

Das Ziel der Aktion war es die Leute auf Zazen aufmerksam zu machen.

Bei der Freien Strasse haben wir uns zuerst zu Zweit hingesetzt. Die dritte Person hat sich neben das Plakat gestellt, so dass sie auf Fragen von Passanten hätte eingehen können. Nach 20 Minuten haben wir gewechselt und während der letzten 20 Minuten haben wir zu Dritt gesessen, da keine Fragen an uns gerichtet worden waren.

Nach einer kurzen Mittagspause haben wir uns dann noch einmal für 45 Minuten bei der Schifflände zu Dritt hingesetzt.

Ich fand es spannend zu sehen, wie die Leute auf die Sitzenden reagiert haben. Viele sind stehen geblieben und haben aus der Ferne das Plakat gelesen.
Einige haben sich sogar einen Flyer genommen.
Die Idee, dass eine solche Aktion einen Beitrag dazu leisten kann, dass eine Person irgendwann selber auf die Idee kommt Zazen zu praktizieren, beziehungsweise achtsamer zu leben, finde ich sehr schön.

Inhaltsverzeichnis

Zazen unter freiem Himmel

Christoph Mokusen

Zum zweiten Mal fand dieses Jahr ein Zazennachmittag im Freien statt. Volker besitzt eine Stück Land am Waldrand auf einem Hügel oberhalb Kanderns, ein kleines Paradies. Bei günstigem Wetter hat man Alpensicht, es wachsen Kräuter, Blumen, ein wenig Gemüse, rundherum Streuobstwiesen…

Wie geschaffen für Zazen open air. Ein kleines Stück in der Mitte des Geländes ist eingeebnet, mit einer niedrigen Natursteinmauer umgrenzt. Auf einer Steinplatte sitzt bei Wind und Wetter ein Buddha, dem unbekannte Wanderer manchmal ein paar Münzen opfern.

Hier also treffen wir uns an einem Samstagnachmittag Ende August. Alles ist improvisiert: Umkleiden irgendwo, Kleider notdürftig unter den Brennholzverschlag legen, falls es doch noch regnet. Das Holz schlagen: ein rostiger Eisenhammer gegen ein Stück Brennholz klingt wie echt. Wir setzen uns auf mitgebrachte Decken oder Zafutons mit dem Gesicht gen Süden. Ein winziges Glöckchen wird geschlagen, los geht´s. Der Himmel ist bedeckt, es ist angenehm warm und sehr offen. Das ist das eindrücklichste für mich, das Gefühl, nach vorne und oben gänzlich frei zu sein. Wenn ich die Augen öffne, kann ich Kandern, Tüllinger Höh, Basel, Crischona, Schweizer Jura sehen und am Horizont den Alpendunst erahnen. Davor auf den Obstwiesen und in den Wäldchen um Kandern toben sich die Samstagnachmittag-Bauern aus: Traktoren holen das Heu ein, es kreischen gleich mehrere Motorsägen, das Holz für den Winter wird gemacht. Direkt neben uns weidet eine Herde junger Kälber mit Glocken um den Hals, ein Dauergeräusch, das sich während Zazen mit dem sonstigen Lärm verbindet. Ruhiger ist es zu diesem Zeitpunkt sicher im Ei-Gen dojo, aber schöner??? Wir machen kinhin, sitzen wieder, unbehelligt von neugierigen Bauern oder Wanderern, die uns jederzeit im Blick haben könnten, der Weg ist vielleicht 200 Meter entfernt.

Nach einem kurzen Samu (Feuer vorbereiten, Brombeeren pflücken, Kräuter schneiden) gibt es ein zweites Zazen am späten Nachmittag. Es kommt, wie es immer kommt, wenn man geduldig sitzt: nach und nach verklingen die Geräusche, die Bauern gehen nach Hause, schliesslich beendet auch die allerletzte Kettensäge ihr Werk. Wir sitzen in Stille, im Kuhgebimmel, die Kirchenglocken von Kandern rufen zum Vorabendgottesdienst, dann wieder Stille.

Wir haben Glück. Keine Moskitos fallen über uns her, keine Ameisen krabbeln unter den Kimono. Die Sonne verbirgt sich hinter den Wolken, mächtige Laubbäume geben Schatten. Entgegen unserer Befürchtung regnet es nicht. Es ist „nicht zu warm, nicht zu kalt, nicht zu hell, nicht zu dunkel“. In diesem Augenblick, was fehlt? Qu´est ce qu´il manque?

Am Ende gibt es eine kleine Zeremonie, Hannya Shingyo. Der mokugyo ein umgedrehter Baueimer, geschlagen mit einem Holzprügel. Alles perfekt.

 

Inzwischen hat das Feuer, das Volker beim Samu entzündet hat, eine kräftige Glut entwickelt, und wir könne direkt ans Grillieren gehen. Es gibt Gemüsespiesse, Maiskolben, verschiedene Sorten Fleisch, Markgräflerwein… ein langer Abend, in dessen Verlauf ein mächtiger Holzstapel beinahe komplett verfeuert und so manches Thema erschöpfend diskutiert wird.

 

Endlich im Schlafsack unter sternenklarem Himmel schlafe ich besser, allerdings auch kürzer als erwartet. Kein Wildschweine, Hirsche, Kühe behelligen mich, lediglich eine Schnecke versucht mir durchs Gesicht zu kriechen. Kaum steigt jedoch die Sonne über den östlichen Waldrand, reisst mich ein Klang aus dem Halbschlaf, den ich zunächst zu ignorieren versuche, der jedoch nach der dritten Wiederholung unverkennbar ist: Irgendwer schlägt hier das Holz. Da nur Volker und ich über Nacht geblieben sind, und ich mir sicher bin, nicht selber das Holz zu schlagen, kann es nur Volker sein. So ist es auch. Munter ruft er zum Zazen, und irgendwie sitze ich kurz darauf mit Kesa auf dem Kissen in der Morgensonne. Was kann man da machen?

 

So geht der zweite Feld, Wald und Wiesen-Zazennachmittag des Basler dojos zu Ende, und beim nächsten Mal seid ihr alle wieder herzlich eingeladen, selbst teilzunehmen.

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Zenkoyama – immer ein Zazen wert!

Johanna

Am 14. Mai war Zazen und Samu in unserem Aussendojo Zenkoyama angesagt. Für mich war es der erste Besuch und ich freute mich sehr, das Aussendojo endlich kennen zu lernen.

So fuhren wir gegen Mittag im Dojo in Basel ab. Das Wetter war bewölkt aber (noch) trocken. Unterwegs kauften wir noch das Dessert ein und bald hatten wir unser Ziel erreicht. Wir stapften durch das hohe Gras zum Aussentempel. Ich war begeistert von der schönen Aussicht, der Pflanzenvielfalt und der Ruhe an diesem Ort. Hinter dem Dojo erhebt sich ein wunderschöner Wald mit uraltem Baumbestand und gibt dem Ort etwas Mystisches. Nachdem Volker das Feuer angefacht hatte, gabs zuerst einen heissen Tee. Danach fast zwei Stunden Zazen.

Ich habe Zazen ganz anders erlebt als im Dojo in Basel. Von „Stille in der Natur“ konnte keine Rede sein! Da war ein Brummen, Sausen, Zischen, Flügelschlagen und Summen von Insekten, darüber erhoben sich die Vogelstimmen in allen Tonlagen. Was für ein Konzert! Mit der Zeit fügte sich aber alles (auch der Wind, der aufkam) zu einem Ganzen zusammen und ich fand das Sitzen draussen sehr schön. Da Volker während Kinhin schnell zum Feuer schauen ging, konnten wir danach auch gleich die Würste auf den Grill legen. Nun begann es zu regnen, aber da wir wenige waren, konnten wir auf dem Bänkli vor der Hütte essen.

Am Schluss gings zurück durch das (jetzt nasse) hohe Gras und zurück nach Basel.

Ich werde auf jeden Fall das Zenkoyama wieder besuchen.

Es ist ein grosses Privileg, eine solche Möglichkeit zu haben!

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